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Northern Forests
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HD 2016/17

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Die Natur existiert nicht mehr, menschliche Eingriffe beeinflussen alles und so ist alles anders als es natürlicherweise sein würde.(1) Von jetzt an ist die Welt in der wir leben die, die wir gemacht haben. Die geologischen Schichten, die wir heute erzeugen, dokumentieren industrielle Emissionen, großindustrielle Pollen und das Verschwinden der Artenvielfalt. Im Anthropozän wird der Planet vom Menschen neugestaltet. (2) Die Frage ist nicht, wie wir die Natur retten können, sondern die Frage ist in welcher Umwelt wir leben und welche Praktiken wir anwenden sollen, um dies zu erreichen? (3)

Die Bevölkerung von Istanbul ist seit den 80er Jahren rasant angestiegen. Mit 14,37 Millionen Einwohnern nimmt die Metropolregion heute den 23. Platz unter den größten der Welt ein und die lokale Immobilienwirtschaft setzt auf anhaltenden Zuzug. In Kooperation mit internationalen Investoren werden bislang entlegene Gebiete an den städtischen Verkehr angeschlossen und die wenigen verbliebenen ländlichen Gebiete am Schwarzen Meer gewinnorientiert entwickelt. Der nördlich von Istanbul gelegene Belgrad Wald, der aufgrund seiner zentralen Bedeutung für die Wasser- und Frischluft-versorgung bereits im 16.Jhd. unter Naturschutz gestellt wurde, schrumpfte bereits von 13.000 auf 5.500 Hektar. Heute zieht sich durch ihn die Großbaustelle des dritten Autobahnrings und verbindet die dritte Bosporus Brücke, die im April 2016 fertig gestellt wurde, mit dem dritten Flughafen, der auf einer Fläche von 9.000 Hektar an der Küste des Schwarzen Meer gebaut wird. Beton erstreckt sich auf der europäischen wie asiatischen Seite über Kilometer beinahe lückenlos zum Bosporus hinauf und entlang der Küste des Marmarameers. Der Masterplan für den zukünftigen Großraum Istanbul sieht vor große Teile Bevölkerung aus den innerstädtischen Bezirken in die neu gebauten Trabantenstädte mit eigenen Einkaufszentren und Freizeitangeboten umzusiedeln. Das nächste Großprojekt, ein zweiter Bosporus Kanal zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmarameer, ist auch schon in Planung. Istanbul, einst auf sieben Hügeln gebaut, ist dabei ganze Küsten, Gebirge und Wälder zu verschlingen.

Während eines halbjährigen Stipendien-Aufenthaltes in Istanbul habe ich begonnen an einem Film zu den Auswirkungen dieser gigantischen Bau- und Infrastruktur-maßnahmen im Großraum Istanbul zu arbeiten, die von der türkischen Regierung zur Zeit massiv vorangetrieben werden. Gemeinsam mit der ökologische Aktivistengruppe Kuzey Ormanlari Savunmasi, kurz K.O.S., besuchte ich Baustellen, nahm an den Versammlungen der Anwohner teil und bekam Einblick in den von vielen organisierten zivilen Widerstand gegen die kapital-getriebene Zerstörung des gemeinschaftlichen Lebensraums.

Den Film begleitet den ökonomischen Kampf, der noch existierenden land- und forstwirtschaftlich genutzten Gebiete, die durch expandierende Immobilienwirtschaft bedroht werden und hinterfragt die gesellschaftliche Notwendigkeit einer gewinnorientierten Entwicklung, die nur Wenigen zu Gute kommt. Er fragt aber auch nach unserem Begriff von Natur, die wir als Wildnis und Rückzugsort fernab unseres großstädtischen Lebens imaginieren, während wir uns alltäglich in von Menschen geschaffenen und kontrollierten Umgebungen aufhalten. Bezugnehmend auf aktuelle Thesen der Environmental Philosophy sind die vom Menschen geschaffenen und bewohnten Umgebungen unsere eigentliche Natur. Eine Natur, die wir uns selbst gestalten. Die Frage kann daher nicht sein, wie wir die Natur retten können, sondern die Frage ist in welcher Umwelt wir leben und welche Mittel wir anwenden wollen, um diese zu erreichen.

(1) The End of Nature, Bill McKibben
Random House, 1989

(2) After Nature: A Politics for the Anthropocene, Jedediah Purdy
Harvard University Press 2015

(3) Thinking like a Mall, Environmental Philosophy after the End of Nature
Steven Vogel. The MIT Press, 2015